2. März 1998, 7.30

Natascha Kampusch wird am Rennbahnweg in Wien-Donaustadt entführt. Die Ermittlungen werden von der Gruppe Fleischhacker im Sicherheitsbüro geführt. Das Sicherheitsbüro genießt als Zentrale der Wiener Kriminalpolizei einen guten Ruf. Mit Fleischhacker betraut Max Edelbacher, der Leiter des Sicherheitsbüros, einen seiner erfahrensten Beamten mit dem Fall „Kampusch". Adolf Fleischhacker steht an der Spitze der Gruppe 3 im Gewaltreferat des Sicherheitsbüros. Seine sechs Beamten leiten sofort die Fahndung ein.


3. März 1998

Wolfgang Priklopil sucht um 17.49 Uhr das Krankenhaus Korneuburg auf, „weil er sich laut eigenen Angaben bei einem Tresoreinbau das letzte Glied des rechten Mittelfingers abtrennte. Dieses Glied wurde im KH Korneuburg wieder angenäht". (1) .

 

Die Augenzeugin

Die Schülerin Ischtar A. ist die einzige Augenzeugin der Entführung. Sie behauptet bis heute, zwei Personen gesehen zu haben. Am Tag der Entführung berichtet sie ihrer Mutter, dass sie gesehen habe, wie ein Mädchen zur Tatzeit in ein Auto gezerrt worden sei. Am 3. März ist die Straße voller Polizisten. Später berichtet sie den Beamten des Sicherheitsbüros: „Heute, gegen Nachmittag erfuhr ich, da ich so viel Polizei im 22. Bezirk Bereich Rennbahnweg gesehen habe, dass ein Kind vermisst wird. Auf Grund dieser Information und der Angaben meiner Tochter vom gestrigen Tag habe ich meine Tochter gleich nach dem Abholen von der Schule um 17.30 Uhr heute in das Wachzimmer Rennbahnweg gebracht, um diese Wahrnehmung meiner Tochter zu melden." (2)

Ischtar A. schildert, was sie gesehen hat:

„Ich bin gestern am 02.03.1998 kurz nach 07.00 Uhr von zuhause weggegangen um zur Straßenbahnlinie 25 zu gehen um zur Schule zu fahren.

Ich war in der Mitte der „Hundewiese", auf dem Rennbahnweg als ich ein Mädchen sah, dass in gleicher Höhe ging wie ich, jedoch auf der anderen Gehsteigseite. Das Mädchen, das ich vorher noch nie gesehen hatte, dürfte ca. 10 Jahre alt gewesen sein.

Sehen konnte ich, dass auf der Seite des Mädchens ein großes hohes Auto, weiß lackiert, sah wie neu aus, mit schwarzen Scheiben, Kennzeichen unbekannt, geparkt war.

Auf der Fahrerseite saß ein Mann, den ich nicht sehen konnte, weil sein Gesicht nach links gedreht war. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt auf gleicher Höhe auf der anderen Straßenseite. Als sich das mit unbekannte Mädchen in Höhe dieses Autos, bei der Beifahrertür befand, ging plötzlich die Schiebetür des Autos auf.

Sehen konnte ich nur, dass das Mädchen von rückwärts an beiden Oberarmen gepackt und in das Auto gezerrt wurde. Hören konnte ich, dass das Mädchen 1x ganz laut um Hilfe rief. Sehen konnte ich, dass das Mädchen nun im Auto war und die Schiebetür geschlossen wurde. Das Auto wackelte mit dem „Hinterteil". Dann startete das Auto und fuhr mit sehr viel Gas und ganz schnell aus der Parklücke und fuhr in zum Kreisverkehr und anschließend in eine Seitengasse hinter der Hundewiese und weiter. Die Namen der Gassen weiß ich namentlich nicht, kann sie jedoch zeigen.

Als das Mädchen ins Auto gezerrt wurde, dachte ich mir nichts Böses dabei. Ich vermutete, dass der Mann der Vater oder der Onkel des Mädchens war.

Ich ging meinen Weg weiter und fuhr das Auto einige Minuten später an mir vorbei in Richtung Schwimmbad.
Nähere Hinweise zu dem Auto und den beiden Männern kann ich nicht geben, da ich sie nur sehr schwer sehen konnte.

In der Schule erzählte ich meine Beobachtung den Freundinnen, die mir aber nicht glaubten. Daher sagte ich es meiner Klassenlehrerin Frau R. Margit. Sie glaubte auch, dass es der Vater des Mädchens war.
Als ich gegen 18.00 Uhr nach Hause kam, erzählte ich auch meiner Mutter was ich am Morgen beobachtet habe.

Am heutigen Tag kam wurde ich von meiner Mutter um 17.05 Uhr von der Schule abgeholt. Sie hat gesagt, dass die Polizei ein Mädchen sucht und auch Suchplakate ausgeteilt wurden. Ich sah mir mit der Mama ein Bild des Mädchens an, das auf einem Baum befestigt war.

In diesem plakatierten Mädchen erkannte ich absoluter Sicherheit das wieder, das am gestrigen Tag in der Früh in das Auto gezerrt wurde und um Hilfe schrie. Dann sind wir sofort hierher zur Polizei gekommen.

Erinnerlich ist mir, dass der Mann, der das Mädchen ins Auto zerrte, ca. 30 Jahre alt war, ca. 175cm groß, schwarzes kurzes Haar, nach rückwärts frisiert mit einzelnen blonden Strähnen, südlicher Typ, bekleidet mit buntem T-Shirt und darüber einem einfärbigen hellen Hemd.

Den Fahrer konnte ich aufgrund der dunklen Scheibenfärbung nicht richtig sehen. Ich nahm nur wahr, dass sich eine männliche Person auf dem Fahrersitz befand.

Ich würde den oben beschriebenen Mann, der das Mädchen ins Auto zerrte, bei einer Gegenüberstellung mit Sicherheit wiedererkennen. Auf einem Foto eher nicht.

Das Auto hatte chromfarbene Bügel an beiden Seiten des Daches von vorne nach hinten. Das Auto hatte auch hinten eine große getönte Scheibe und hatte die Form eines schwarzen „Buckel". Wenn ich diese Auto sehe, würde ich es wiedererkennen.

Mir wird noch einmal das Foto des verschwundenen Mädchens (KAMPUSCH Natascha) gezeigt, und ich bin mir sicher, dass es sich um das Mädchen handelt." (3)

Die beiden Beamten des Wachzimmers halten die Zeugin für glaubwürdig: „Die Minderjährige machte einen glaubwürdigen Eindruck. Sie wurde aufmerksam gemacht, keinen Sachverhalt zu erfinden oder ungenau wiederzugeben. Sie blieb jedoch bei den von ihr gemachten Angaben." (4)

Das Sicherheitsbüro wird verständigt. Schon kurz nach der Einvernahme der Schülerin befragt Bezirksinspektor Thomas F. die Mutter der Zeugin: „Meine Tochter A. Ischtar, 11.09.1985 Wien geb., kam gestern gegen 17.30 Uhr von der Tagesschule nach Hause. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits zu Hause. Gleich nachdem meine Tochter nach Hause kam, schmiss sie die Schultasche in eine Ecke und kam aufgeregt zu mir. Sie sagte zu mir ´Mutti, ich habe heute gesehen, wie ein Mädchen verschleppt wurde, er hat sie in ein Auto geschleppt, sie hat geschrien, und das Auto ist blitzschnell weggefahren.´ Meine Tochter erzählte mir, dass sie Angst gehabt habe und sich hinter Büschen versteckt hätte. Sie sagte zu mir, dass der Mann sie in ein großes Auto, weiß, wie neu, mit Buckel gezerrt habe. Sie sagte zu mir, dass dies sicher ein „Kinderverzahrer" gewesen sei, diesen Ausdruck hat sie verwendet." (5)

Fleischhackers Mitarbeiter F. wird in den nächsten Tagen eine Schlüsselrolle spielen.

Im Gegensatz zu den Beamten in der Wagramerstraße nehmen ihre Kollegen im Sicherheitsbüro den Hinweis nicht völlig ernst. „Was die Aussage der 12-jährigen Schülerin A. Ischtar anbelangt, die am 2.3.1998 gegen 07.10 Uhr beobachtet haben will, dass Natascha K. am Rennbahnweg zw. Melangasse und Tegelweg von einem u.T. (6) in ein größeres Auto gezerrt wurde, ist anzumerken, dass sich bei näherer Überprüfung dieser Aussage Widersprüche und Ungereimtheiten ergaben. Es ist daher fraglich, ob ihre Aussage den Tatsachen entspricht. Lt. Aussage ihrer Lehrerin neigt sie oft zu Übertreibungen, weshalb bei ihren Angaben Vorsicht an den Tag zu legen sei..." (7)


4. März 1998

Das Sicherheitsbüro berichtet dem Staatsanwalt:

„Aufgrund der Öffentlichkeitsfahndung langten zahlreiche mehr oder weniger brauchbare Hinweise ha. ein, die dzt. überprüft werden. Zutreffend könnte die Aussage der 10-jährigen Schülerin H. Bettina sein, welche Natascha vom früheren gemeinsamen Klassenbesuch gut kennt. H. will Natascha am 2.3.1998 kurz nach 7.00 Uhr bereits in der Nähe der Schule in Richtung Volksschule alleine gehen gesehen haben." (8)

Mit der Aussage der zweiten Zeugin ist jetzt klar, dass Kampusch am Tag ihrer Entführung das Haus und damit ihre Mutter verlassen hat. Damit richtet sich der Verdacht nicht gegen ein Familienmitglied, sondern gegen unbekannte Täter.

Auf die entscheidende Frage vergessen die Beamten: Hat Bettina H. so wie Ischtar A. zur Tatzeit einen weißen Kleintransporter in der Nähe von Natascha Kampusch gesehen? So wird H. der Polizei erst vier Jahre später den nächsten Hinweis auf das weiße Fahrzeug liefern.


5. März 1998

Oberrat Dr. Johannes Scherz berichtet für das Sicherheitsbüro an die Staatsanwaltschaft. Er schlägt für die beiden Telefone von Kampuschs Mutter eine Rufdatenerfassung vor. Seine Begründung lautet: „Bei der Mutter des abgängigen Kindes [...] langten einerseits anonyme Anrufe ein, die möglicherweise mit dem Verbrechen in Zusammenhang stehen. Andererseits wäre es zum Zwecke der Aufklärung der Straftat unbedingt erforderlich, den Bekanntenkreis der Frau Sirny und ihrer Tochter umfassend zu eruieren, da in der Vergangenheit immer wieder Kinder von Kontaktpersonen aus dem Bekanntenkreis der Familie ermordet wurden und dies auch in gegenständlichen Fall möglich erscheint." (9)

Scherz drängt auf eine schnelle Entscheidung: „Gefahr im Verzuge ist gegeben, da durchaus die Möglichkeit besteht, dass das Mädchen noch leben könnte und bei rascher Überprüfung der durch die Rufdatenerfassung ausgeforschten Personen noch gerettet werden könnte." (10)

Noch am selben Tag genehmigt ein Richtersenat die Rufdatenerfassung der beiden Telefone. Die Richter übernehmen die Argumentation der Kriminalbeamten: „Da einerseits aus dem Bekanntenkreis der Familie immer wieder Kinder ermordet wurden, ist im konkreten Fall nichts auszuschließen, dass der Täter im Bekanntenkreis der Familie zu suchen ist. Andererseits hat die Mutter der minderjährigen Natascha, Brigitte Sirny, in letzter Zeit mehrmals anonyme Anrufe erhalten." (11)


11. März 1998

Die Beamten des Sicherheitsbüros versuchen den weißen Kleintransporter zu identifizieren. Aber sie stoßen auf ein Problem. „Da das Kind das von ihr beobachtete Fahrzeug aufgrund von Prospekten unterschiedlicher Kleinbusse nicht erkennen konnte, wurden im Großraum Wien sämtliche Autofirmen aufgesucht und Ischtar ähnliche Busse bzw. Campingwägen vorgezeigt. Dabei deutete das Mädchen immer auf einen Ford Transit. Es konnte in der Umgebung jedoch kein Fahrzeug gefunden werden, welches sowohl den von ihr beschriebenen höheren Aufbau als auch hinten ein durchgehendes Fenster (Heckklappe) hatte." (12)

Einen Umstand bedenken sie nicht: Ischtar A. beschreibt in ihrer ersten Aussage zwei aufeinander folgende Situationen mit einem weißen Kleintransporter.

Situation 1 ist die Entführung: „Sehen konnte ich, dass auf der Seite des Mädchens ein großes hohes Auto, weiß lackiert, sah wie neu aus, mit schwarzen Scheiben, Kennzeichen unbekannt, geparkt war.

Auf der Fahrerseite saß ein Mann, den ich nicht sehen konnte, weil sein Gesicht nach links gedreht war. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt auf gleicher Höhe auf der anderen Straßenseite. Als sich das mit unbekannte Mädchen in Höhe dieses Autos, bei der Beifahrertür befand, ging plötzlich die Schiebetür des Autos auf.

Sehen konnte ich nur, dass das Mädchen von rückwärts an beiden Oberarmen gepackt und in das Auto gezerrt wurde."

Ein paar Minuten später sieht A. wieder einen weißen Kleintransporter: „Ich ging meinen Weg weiter und fuhr das Auto einige Minuten später an mir vorbei in Richtung Schwimmbad."

Das Auto muss zurückgekommen sein - oder: Ischtar A. hat zwei weiße Kleintransporter gesehen und sie für einen gehalten.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen: Im Wiener Raum gibt es kein Fahrzeug, auf das die Beschreibung der Zeugin passt. Auf die Idee, dass A. kurz hintereinander zwei verschiedene weiße Kleintransporter gesehen haben kann, kommt keiner der Beamten.


(1) LKA Burgenland: Aktenvermerk von BezInsp Saurugger, 29.8.2006
(2) BPD Wien/Sicherheitsbüro: Niederschrift mit Rosa A., 3.3.1998
(3) Bundespolizeidirektion Wien, Wachzimmer 22: Bericht über die Aussage von A. Ischtar, Zahl: II-2641/SB/98, 3.3.1998
(4) ebda.
(5) Bundespolizeidirektion Wien, Sicherheitsbüro: Niederschrift mit A. Rosa, Zahl: II-2641/SB/98, 3.3.1998
(6) unbekanntem Täter
(7) BPD Wien/Sicherheitsbüro: Anzeige an das Landesgericht für Strafsachen, 9.3.1998
(8) BPD Wien/Sicherheitsbüro: Bericht an Richter und Staatsanwalt, II-2641/SB/98, 4.3.1998
(9) BPD Wien, Sicherheitsbüro: Fax an das Landesgericht für Strafsachen Wien betreff „Ersuchen um Beschluss auf Rufdatenerfassung", 5.3.1998
(10) ebda.
(11) Landesgericht für Strafsachen: Beschluss zur Überwachung des Fernmeldeverkehrs (aktive und passive Rufdatenerfassung), 5.3.1998
(12) BPD Wien/Sicherheitsbüro: Bericht betreff Erhebungen zur Abgängigkeit, 11.3.1998