Tagebuch / Dezember 2001

SONNTAG, 02. DEZEMBER 2001

Caspar Einem ruft mich an. Die SPÖ steigt aus den Doktrin-Verhandlungen aus. Die Parteispitze hat entschieden. Plötzlich haben sie es eilig und springen ab. Damit ist die Sache jedenfalls vorläufig erledigt.

TAGS: Caspar | Doktrin | Parteispitze | Sache | Verhandlungen

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


MONTAG, 03. DEZEMBER 2001

Jetzt bietet die ÖVP Verhandlungen auf Klubobmann-Ebene mit Minister an. Aber das ist nur noch Schaulaufen. In der Sache kommt nichts mehr heraus.

TAGS: Ebene | Klubobmann | Minister | Sache | Schaulaufen

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


DIENSTAG, 04. DEZEMBER 2001

„Wir alle sind Amerikaner." So und ähnlich wird eine Stimmung gemacht, die mit einem neuen Schimpfwort einen neuen inneren Feind benennt: „antiamerikanisch". Wahrscheinlich passe ich in die Schablone. Ich finde die Wende in der amerikanischen Politik nach dem 11. September teils bedrohlich und teils abstossend. John Ashcroft ist Mitglied der fundamentalistischen Pfingstler-Sekte, US-Justizminister und das beste Beispiel, dass die religiösen Eiferer in den USA wieder im Zentrum der Macht sind. Hendrik Hertzberg kann im New Yorker noch offen über Bush und Ashcroft schreiben. www.newyorker.com Viele andere ziehen es vor, den Mund zu halten. Sicher, früher oder später dreht sich auch in Amerika der Wind. Aber bis dahin müssen wir aufpassen, dass wir nicht Teil des amerikanischen Hochsicherheitstrakts werden.

Andreas Khol hat uns gestern noch einmal Verhandlungen zur Sicherheitsdoktrin angeboten. Aber es hat keinen Sinn mehr. Die ÖVP will irgendeinen Weg in die NATO, und die FPÖ unterschreibt nur, wenn sie das Ziel der Doktrin so deuten darf, dass es ihr europäischer NATO-Ableger wird. FP-Wehrsprecher Jung hat dem Standard eine SP-Zusammenfassung von Verhandlunspositionen untergejubelt, und jetzt ist die öffentliche Verwirrung komplett. Der Preis für eine Einigung wäre das Opfern der Neutralität. Sascha und ich haben daher heute beschlossen, die Kohl/Scheibner-Einladung zu einer letzten Verhandlung abzulehnen.

Im Innenausschuss ist blitzartig das Bundeskriminalamt beschlossen worden. Einiges an der Reform ist vernünftig. Letzten Endes geht es aber wieder um die Partei: Die Kripo kann jetzt endlich schwarz umgefärbt werden.

TAGS: Ashcroft | Jung | Nato | Standard | Zusammenfassung

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


DONNERSTAG, 06. DEZEMBER 2001

Ferrero-Waldner kann gut wie ein Pudel dreinschauen. Als Peter Schieder als Vorsitzender des Aussenpolitischen Ausschusses nach drei Minuten die Sitzung unterbricht und alle nach Hause schickt, wirkt sie begossen. ÖVPler und FPler rufen "Gemeinheit" und "Diktatur". Die Ministerin geht wortlos und gekränkt.

Schieder hat in der Sache recht gehabt. Gestern abend hat uns die ÖVP einen "Abänderungsantrag" zum Informationssicherheitsgesetz zukommen lassen. Vier Wochen lang haben wir gegen das Gesetz, dass alles vertraulich und damit strafbar machen sollte, mobilisiert. Vor wenigen Tagen hat die ÖVP begonnen, dem öffentlichen Druck nachzugeben. Nur der Verteidigungsminister hat bis gestern abend gemauert. Jetzt hat das Gesetz eine neuen Titel und gilt nur noch für EU- und NATO-Akten. Trotzdem bleibt es ein Pfusch: Die Sicherheitsüberprüfungen durch die Stapo bleiben ebenso drin wie die Drohung mit Gefängnis auf die Weitergabe "vertraulicher" Akten. Aber das Schlimmste ist einmal verhindert. Trotzdem kann ein völlig neues Gesetz, das die Opposition heute früh gerade eine halbe Stunde durchlesen konnte, nicht ein paar Minuten später im Ausschuss beschlossen werden.

TAGS: Akten | Gesetz | Minuten | Schieder

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


FREITAG, 07. DEZEMBER 2001

Doktrinenbegräbnis. Alle im Landesverteidigungsausschuss erklären einander, dass alles in grossem Ernst verhandelt worden und es selten so spannend und sachlich gewesen und am Ende doch nur ein Regierungsantrag herausgekommen sei. Dass in der Sicherheitspolitik einfach das gemeinsame Ziel fehlt und dass das bei den herrschenden Verhältnissen und Parteien kein Wunder ist, bleibt unerwähnt.

Am Rande der Sitzung empfiehlt mir ein Kollege einer Regierungspartei, mir die amerikanische Seite bei den Anfangjägern anzusehen. Irgendwann geht das jetzt los. Es riecht schon etwas streng.

TAGS: Irgendwann | Kollege | Rande | Regierungspartei | Sitzung

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SAMSTAG, 08. DEZEMBER 2001

Der erste BSE-Fall. Ein falscher Hof wird bezichtigt. Der Landwirtschaftsminister findet alles in Ordnung. Österreich ist jetzt auch nur noch ein ganz normaler Standort der Agrarindustrie. Der Dreck, der reingefüttert wird, kommt jetzt auch bei uns als Krankheit wieder heraus. Die Insel der glücklichen Kühe gibt es nicht mehr.

TAGS: Agrarindustrie | Dreck | Insel | Kühe | Krankheit

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SONNTAG, 09. DEZEMBER 2001

Gestern hat der Kurier erstmals über den amerikanischen Druck, hier die F 16 zu beschaffen, berichtet. Es steckt viel mehr dahinter. Ein Rundruf durch Außenamt und Militär hat ergeben: Schüssel durfte Bush nur besuchen, weil er bereit war, sich mit Lockheed-Lobbyisten zu treffen. Schüssel hat sicher gewußt, dass er bei Bush nicht mehr als einen Geschäftstermin zu absolvieren hat.

Kurz nach der USA-Reise hatte ich davon gehört und konnte daher Verteidigungsminister Scheibner im Ausschuss nach seinem Wissenstand fragen. Scheibenrs Antwort war eindeutig: „Schüssel hat mir nichts über Abfangjäger-Gespräche in den USA erzählt." Ich glaube nicht, dass er gelogen hat. Wahrscheinlich läuft es wieder wie beim geschobenen Radar-Geschäft: Die Militärs bereiten eine Entscheidung vor, und Schüssel arbeitet für die andere Seite.

Wir werden den Kanzler parlamentarisch fragen:

1. Haben Sie im Verlauf Ihres letzten USA-Besuchs Vertreter der Firma Lockheed getroffen ?
2. Wenn ja, wen und wozu ?
3. Haben Sie die Frage der Abfangjäger-Beschaffung mit Präsident Bush besprochen ?
4. Wenn ja, hat Ihnen Bush für den Kauf der F 16 Regierungsunterstützung angeboten ?
5. Wussten Sie vor Ihrem USA-Besuch, dass es zu Gesprächen über die Abfangjäger-Beschaffung kommen wird ?
6. Wann haben Sie den Verteidigungsminister über diese Gespräche informiert ?
7. Warum mischen Sie sich als Kanzler in die Abfangjäger-Beschaffung ein ?

Schüssel wird uns die volle Wahrheit sagen. Das ist schliesslich seine Stärke.

TAGS: Abfangjäger | Beschaffung | Bush | Schüssel

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


DIENSTAG, 11. DEZEMBER 2001

Johannes Voggenhuber ist jetzt auch dabei. Wie Van der Bellen und ich tritt er jetzt auch für das Projekt einer europäischen Sicherheitsunion ein. Die Diskussion ist bei uns damit noch längst nicht abgeschlossen, aber Bundessprecher, EU-Sprecher und Sicherheitssprecher vertreten damit gemeinsam eine neue Position. Wir haben damit die Antwort auf die Frage, was aktive Neutralitätspolitik in Zukunft sein soll: die Entscheidung für Europa und damit gegen die Vorherrschaft der NATO.

Natürlich wissen wir, dass neue Ideen am Anfang auch Gefahren bergen. Wer will, kann das zur Aufgabe der Neutralität verdrehen. Einige bei uns in Klub und Bundesvorstand warnen daher vor neuen Ideen - und übersehen, dass Grüne diskutieren, streiten, alles dürfen, nur eines nicht: alt, konservativ und bewegungsunfähig werden

Die BSE-Geschichte wird immer dubioser. Woher ist das kranke Rind gekommen, und warum fehlen beide Ohrenmarken ? Hinter der Biokulisse wird wieder der alte Agrarsumpf sichtbar.

Letzte Runde Informationssicherheitsgesetz. Die größten Zähne sind gezogen. Die Ministerin hört sich schweigend die Wortmeldungen der Abgeordneten an. Dann zieht sie spontan ein Manuskript aus der Mappe und beginnt frei vom Blatt zu lesen. Mit Betonung, Pausen und Blicken quer durch das Ausschusslokal imitiert sie eine freie Antwort, so, wie sie eine Außenministerin imitiert. Die Beamten haben ihr sogar die Antworten auf Fragen vorbereitet. Sie bleibt bei ihrem geschriebenen Text und beantwortet die Fragen in der Reihenfolge ihrer Unterlage. Dann ist der Text aus, die Fragen aber nicht. Zögernd begibt sich die Ministerin aufs Eis. Minuten später schleudert sie schon quer durch die Materie. „Der Kärntner Landeshauptmann bekommt auch Dokumente aus Brüssel. Muss er jetzt von der Stapo überprüft werden ?" Ein ratloser Blick zu den Beamten - „Sicher, nein, aber nicht, warum denn, aber eben eigentlich nicht, sicher!" Weiter: „Jedes vierzigste Dokument ist vertraulich. Wie viele Beamte müssen jetzt von der Stapo durchleuchtet werden ?" Die Beamten starren in die Luft. „Wenige, Herr Abgeordneter, und man hat mir versichert, dass das ganz schnell geht." Ich verweise auf das Sicherheitspolizeigesetz und die genauen Anordnungen für die Sicherheitsüberprüfungen. „Aber man hat mir gesagt, dass das nicht mehr als drei Minuten dauert. Das hat mir ein Herr gesagt." Ein paar Regierungsabgeordnete beginnen in den Boden zu versinken. Die Ministerin lächelt sich durch, bis sie der Vorsitzende erlöst. „Die Sitzung ist geschlossen."

TAGS: Antwort | Beamten | Fragen | Ministerin | Text

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


MITTWOCH, 12. DEZEMBER 2001

Der Nationalrat tagt. Wolfgang Schüssel musste wieder einmal eine Erklärung abgeben, und jetzt versucht einer nach dem anderen, am Rednerpult wach zu bleiben - zumindest bis 13 Uhr. Dann schaltet der ORF die Live-Übertragung ab. Plötzlich werden tausende Österreicher vor ihren Bildschirmen wieder aufwachen.

Gegen Abend beginnt die Debatte über die Sicherheitsdoktrin. Wir haben uns nicht geeinigt, aber die Debatte zeigt, dass Parlament auch spannend sein kann. Am Rande versuchen zwei Regierungsabgeordnete den schnellen Bogen von der Doktrin zu den Abfangjägern. Damit bestätigen sie meinen Verdacht, dass der einzige gefährdete Luftraum der in den Köpfen mancher Regierungsmitglieder ist.

TAGS: Bogen | Debatte | Doktrin | Rande | Regierungsabgeordnete

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


DONNERSTAG, 13. DEZEMBER 2001

Österreichische Militär-LKWs sollen nach Zimbabwe geliefert worden sein. Ich kann mir das gut vorstellen. Unsere Rüstungsmanager sind über den Markt am laufenden. Mugabe braucht Lastwagen, um seine Terrortrupps schnell verlagern zu können. Bis morgen wissen wir mehr.

TAGS: Lastwagen | Markt | Mugabe | Rüstungsmanager | Terrortrupps

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


FREITAG, 14. DEZEMBER 2001

Abfahrt. Heute geht es nach Neuseeland. Dort wohnt Pelle auf seiner Farm, wartet auf Kernöl und freut sich, mir als Ökofundi die Inseln und die Grünen zeigen zu können.

Inzwischen empfehle ich für den Weihnachtseinkauf das hinreißende Geschäft meines Bruders: die afrikanische Galerie Habari www.habari.at in der Theobaldgasse 16, gleich unten weg von der Mariahilferstrasse. Weil man eh nie weiß, was gekauft werden soll, und einem die Augen übergehen, wie schön manche Sachen jenseits des Weihnachtsmassenzeugs sein können.

Wenn ich wo einen Computer finde, schreib ich in Neuseeland weiter. Sonst wieder Tagebuch ab 15. Jänner.

TAGS: Augen | Mariahilferstrasse | Neuseeland | Sachen | Theobaldgasse

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SAMSTAG, 15. DEZEMBER 2001

Zwischenlandung in Bangkok. Dreißig wunderschöne Österreicher in den allerbesten Jahren steigen aus. Eine große Freude kommt auf die Thailänderinnen zu. Eine Kulturnation schickt ihre Botschafter. Einigen von ihnen sieht man an, dass sie das ganze Jahr in jeder Hinsicht gespart haben.

TAGS: Botschafter | Hinsicht | Jahr | Kulturnation | Thailänderinnen

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SONNTAG, 16. DEZEMBER 2001

Neuseeland ist freundlich. Freundliche Hunde beschnuppern das Gepäck, damit keine neuen Pflanzen oder Tiere eingeschmuggelt werden können. Ratten, Opposums, Kaninchen und indischer Ingwer haben schon genug zerstört.

Ein freundlicher Mietwagenverleiher nimmt mir nicht übel, dass ich keinen Führerschein mithabe. Er freut sich mit mir über meinen schönen Pass und meint, dass nicht viel passieren könne – die Polizei sei nämlich sehr freundlich.

Freundliche Menschen erkären mir in Auckland den Weg zur Route 1 Richtung Norden. Da mich alle woanders hinschicken, lerne ich viele freundliche Wegweiser kennen.

Und dann komme ich um eine Kurve und fahre plötzlich auf das Meer zu. Buchten winden sich tief ins Land und schließen kleine Inseln ein. Links ragen einzelne Pinien aus dem Urwald, der in vielen winzigen Kuppeln die Hügel bedeckt. Dann neigen sich meterhohe Farne zur Gasse und hinter der nächsten Biegung ist dort, wo ich Land erwarte, wieder Meer. An der Küste der Nordinsel geht einem Österreicher, der sich an Tälern und Bergrücken einfach zurechtzufinden gelernt hat, die Orientierung schnell verloren.

Rechts von Wakworth sind es sieben Kilometer bis Matakana und noch vier bis zum Rainbow Valley. Ein geschotterter Weg führt steil ins Tal. Quer über die Straße verraten hölzerne Wasserrinnen, daß hier ein Steirer gebaut hat.

Im letzten Spiegel erkärt der Redakteur, daß Permakultur nur bei wenig Niederschlag funktioniere. Auf das Rainbow Valley regnet es jährlich zwei Meter – und alles wächst, weil es sich gegenseitig unterstützt. Tiere und Pflanzen leben in einem System, über dessen Gesetze Pelle zum Glück viel mehr weiß, als seine Gegner in der neuseeländischen Agrarindustrie.

Vier Wochen hat es jetzt geregnet. Alles blüht, und ich werde Schönwetter bringen.

TAGS: Land | Meer | Pflanzen | Tiere | Valley

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


MONTAG, 17. DEZEMBER 2001

"Huron’s Flight” nennt ein amerikanischer Weinbauer im Matakana Valley seinen besten Rotwein. Die Konkurrenz ist französisch” und "international”. Er will "italienischen” Wein anbauen. Der Klon seines Sangiovese stammt vielleicht aus Montalcino, wahrscheinlich aber aus Montepulciano. Aber niemand wird ihn mit Brunello oder Vino Nobile verwechseln. Der Amerikaner hat einen großen, mächtigen Wein der Neuen Welt geschaffen. Mit seiner naiven Wucht passt er ins Land.

Am Talgrund weiden Kühe, Kühe und Kühe. Ab zweihundert Stück lohnt sich für einen Bauern die Milch. Die Hälfte der Tiere hat keine Schwänze. Sie werden abgeschnitten, damit sie beim Melken nicht ins Gesicht schlagen. Ohne Schwänze und weggesägte Hörner wandert nur der Nutzteil des Rindes über die Weide.

Viel vom grünen Image verdankt Neuseeland zwei Umständen: dem Fehlen der Schwerindustrie sowie der geringen Bevölkerungsdichte. Die saubere Luft hat eine Nebenwirkung: Sie läßt viel UV-Strahlung durch. In Europas industriellen Zentren gilt das paradoxe Gesetz "Schmutz ist Schutz”. In Neuseeland muss die Sonnencreme die Smogglocken ersetzen.

Bei unserer Rückkunft humpelt eine Ente über den Vorhof. Ein Aal hat ihr die halbe Flosse weggebissen. Wir legen Angeln aus.

TAGS: Bevölkerungsdichte | Kühe | Neuseeland | Schwänze | Wein

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


DIENSTAG, 18. DEZEMBER 2001

Zwanzig Prozent des Regenwaldes stehen noch. Das ist viel. Aber achtzig Prozent sind von einem Volk, das sich im Land verliert, bereits zerstört worden. Das ist mehr.

Pelle kämpft um Sustainability, um Nachhaltigkeit. Er wird längst respektiert, wie eine Insel, mit deren Existenz man sich abgefunden hat. Aber die Politik bleibt bei den drei Dogmen: 1. Nur die Agrarindustrie kann die Menschheit ernähren. 2. Dazu braucht sie Gentechnik, Chemie und Freihandel. 3. Das alles gilt natürlich nur in eine Richtung: von Norden nach Süden.

Von den traditionellen Reisbauern bis zu den 35 000 Permakultur-Landwirten haben viele die drei Dogmen widerlegt. Der alte lokale Widerstand gegen die Getreide-Rindfleisch-Monokultur verbündet sich mit den neuen Alternativen. Aber die Politik versagt. Und irgendwie schlafen auch viele Grüne.

Gegen Mittag stirbt der Pfau. Monatelang hat er Enten, Hühner und Gänse tyrannisiert. Jetzt wird er sauber gerupft. Sein Fett ist knallgelb. Ich werde meinen ersten Pfau essen.

TAGS: Dogmen | Monokultur | Pfau | Politik | Prozent

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


MITTWOCH, 19. DEZEMBER 2001

Besuch in Wellington. In einem "U” rund um den "Table” der Debating Chamber sitzen die hundert Abgeordneten des neuseeländischen Parlaments. Eine Glocke bricht eine Rede ab, drei Abgeordnete springen hoch, und die Vorsitzende erteilt einem von ihnen das Wort. Neun Zuschauer blicken auf zehn Parlamentarier. Die Zuseher dürfen weder Gegenstände noch sich selbst auf die Balustrade legen. Jedes Parlament hat seine Würde.

Ein seltsames Gesetz steht auf der Tagesordnung: In Zukunft sollen die Parlamentsklubs mit zwei Drittel-Mehrheit Mitglieder aus dem Parlament ausschließen können. Die Sozis sind dafür, Grüne und Konservative dagegen. Die Partei kann in Zukunft das Mandat aberkennen. Abweichen wird damit auch in Neuseeland riskanter.

Die Redner sprechen frei, verständlich und flüssig. Niemand kann sich hier einen Abgeordneten, der zum Rednerpult schleicht und mühsam von Blatt liest, vorstellen.

Keith Locke kümmert sich bei den Grünen um Bürgerrechte und Militär. Egal, ob Labour in Neuseeland, Rot-Grün in Deutschland oder Schwarz-Blau bei uns, die Hochsicherheitsgesetze ähneln einander wie ein faules Ei dem anderen. Nur die Versuche, Opposition und Medien die Wahl zwischen Gleichschaltung oder Ausschaltung anzubieten, bleiben in dieser Offenheit auf Österreich beschränkt. Der Überwachungsstaat ist weltweit auf dem Vormarsch. Die Autoritäre Wende ist eine österreichische Geschichte.

Eine Regierungsbeteiligung sieht Keith mit gemischten Gefühlen. Erstens fürchten auch hier alle die deutsche Falle. Aber zweitens wird hier einfach anders regiert. Eine Minderheitsregierung löst die andere ab. Labour regiert offiziell mit der linken "Alliance”. Aber immer, wenn es um Freihandel oder Militärisches geht, springen die Konservativen als Partner ein. Der kleine Regierungspartner wird dann im Parlament einfach niedergestimmt – und niemand findet etwas dabei.

TAGS: Labour | Neuseeland | Zukunft

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


DONNERSTAG, 20. DEZEMBER 2001

Meine Aufgabe lautet: Aalräuchern. Der Fisch misst einen knappen Meter, und ich schneide ihn in sechs Stücke, salzen, mit Rosmarin und Honig einreiben.

Pelle hat ein Blechfass mit einem Tunnel an eine Feuerstelle rund einen Meter davor angeschlossen. Die Fischstücke liegen auf dem Rost. Das Feuerholz kommt vom Teebaum. Vom wochenlangen Regen ist das Holz nass und raucht wunderbar.

Nach vier Stunden hat sich der Aal braun verfärbt. Nach vier Stunden und fünfzehn Minuten ist er futsch. Der Aalräucherer durfte vier Stücke essen.

Pelle hat über hundert Arten Bäume und Sträucher gepflanzt. Alles wuchert, aber das Wachstum täuscht. Vieles aus Europa und Nordamerika kennt den Frost und braucht ihn als Ruhepause. Überall in Neuseeland geraten Apfelbäume aus dem Rhythmus, treiben und blühen immer schneller und gehen erschöpft zugrunde. Die Farmer antworten mit Chemie. Die Bäume werden künstlich entlaubt - Gift statt Frost.

TAGS: Bäume | Frost | Pelle | Stücke | Stunden

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


FREITAG, 21. DEZEMBER 2001

Abfahrt nach Norden. Im Waipoua Forest stehen die letzten großen Kauri-Bäume. Vor rund fünfzig Jahren hat der Naturschutz gerade noch 91 qkm Wald gerettet. Wie ein mittleres Hochhaus steht mit Tane Mahuta der größte Kauri mit 56 Meter Höhe vor Bänken, die nach fünf Minuten Anmarsch das Fotografieren erleichtern. Ein paar Kilometer weiter hat sein kürzerer, dicker Bruder Te Mahuta Ngahere überlebt.

Weit entfernt vom Park zieht Stephen King junge Kauris. Wer ihn besucht, wird von der Freude des bärtigen, langhaarigen Baumvaters über die Fortschritte seiner Zöglinge einfach mitgerissen. Trotzdem sind die Plantagenbesitzer, die alles ausreißen, um Platz für ihre Kiefern und Pinien zu schaffen, noch im Vormarsch.

Die Kiefernwüsten ähneln dem, was wir in Oesterreich als "Wald" bezeichnen. Ein Tag hier im Busch macht mir klar, dass meine Huam in der Obersteiermark nicht mehr als ein Rest alter Bauernkultur mitten in einer Fichtenplantage ist.

Das Faszinierende am Regenwald sind nicht die wenigen hohen Bäume und die meterhohen Farne. Es ist das Unterholz, die Dichte, das verschlungene Leben, die Vielfalt.

Vor hundert Jahren haben ein paar Kaurifäller-Dynastien mit der Unordnung aufgeräumt. Die Bäume wurden gefällt und die Bäche in Talengen aufgestaut, bis die Stämme in einer Sturzflut dutzende Kilometer Richtung Küste geschwemmt werden konnten.

Rund zwanzig Kilometer nach dem Wald liegt Opononi in malerischer Lage am Eingang zum Harbour. Im Norden begrenzen die ersten Riesendünen den Sund.

Abenddämmerung am Ninety Miles-Beach. Bis knapp vor Sonnenuntergang geht es dem endlosen dünengesäumten Strand entlang. Ab und zu ragt das Dach eines Autos, dessen Fahrer die Gezeiten unterschätzt hat, aus dem Sand.

Abendessen? Nix nach neun. Englische Disziplin, wer sich nicht an die Essenszeiten hält, muß hungern. Der Selbstvergiftungsversuch in einem chinesischen Take Away scheitert. Vor einer Bar drückt mir ein Ansäßiger ein volles Glas Bier in die Hand. Prost.

TAGS: Bäume | Kilometer | Mahuta | Norden | Wald

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SAMSTAG, 22. DEZEMBER 2001

In der Freuh nach Cape Reinga, zur nördlichen Spitze Neuseelands. Von hier starteten die Maori-Seelen ins Meer und von dort in die Ewigkeit. Unten treffen Tasmanische See und Pazifik aufeinander. Schaumkronen markieren die Linie, an der sich die beiden Meere mischen.

Nach Westen Buchten, Inseln, Buchten, Strände, Inseln... Im Osten und ganz im Westen ruhig, idyllisch, von Kerkeri bis Russel wie in Lignano. Mit 18 Prozent Wachstum frißt der Tourismus Stück für Stück die Nordküste auf.

Mein Ziel sind die Poor Knight Islands, einer der berühmtesten Tauchplätze der Welt. "Alles ausgebucht" ergibt der erste Anruf in Tutukaka. Dann bekomme ich den "letzten Platz"- und einen Bungalow mit Blick über Hafen, Pazifik und Inseln. Kitschig schön, so mag ich es.

TAGS: Buchten | Inseln | Pazifik | Stück | Westen

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SONNTAG, 23. DEZEMBER 2001

"El Tigre" bringt uns in einer Stunde zu den Poor Knights. Die vulkanische Insel ist streng geschützt. Niemand darf an Land. Ratten, Katzen und Oppossums wurden ausgerottet. Die Vögel haben sich erholt. Eine fünfzehn Zentimeter große Heuschrecke ist die neue Herrscherin der beiden Inseln.

Gelbe Grasteppiche überwallen den Boden. Dazwischen liegen Rochen, Skorpionfische und bunte Seeigel. Lange Kingfish schwimmen durch Riesenschwärme Demoiselles mit den beiden Punkten auf ihren ovalen braunen Leibern. Quer über einen Stein hängt eine Mosaikmuräne.

TAGS: Boden | Lange | Rochen | Seeigel | Skorpionfische

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


MONTAG, 24. DEZEMBER 2001

Weihnachten unter Wasser. Zwei weißgepunktete Oktopusse pumpen sich durch den Tang. Mein Buddy Charles taucht mit mir durch Abbot's Passage - einen Tunnel, mitten in ein schwarzes Loch, das sich langsam zu einer bläulich schimmernden Sichel verengt. Im kommenden Licht hängen Fischschwärme. Dann sind wir durch. Anschließend vertauchen wir uns komplett und sind plötzlich im bodenlosen offenen Wasser.

Am Rückweg spielen Bottlenose-Delphine mit dem Boot.

Weihnachtsabend bei Pelle und Trish auf der Farm. Die Lämmer hier sind einfach besser. In Klagenfurt hat es minus 17 Grad.

TAGS: Boot | Bottlenose | Delphine | Wasser | Weihnachtsabend

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


DIENSTAG, 25. DEZEMBER 2001

Tag des Aals. Pelle erzählt, wie ihm Aale über die Wiesen zugewandert sind. Die Größten fressen jetzt Pelles Enten die Füße ab. Ich werde die Partei der Enten ergreifen.

Die Regel lautet: Aale fängt man in der Nacht. Meine Aale beißen bei Tag. Am Nachmittag fange ich den ersten. Am frühen Abend ziehe ich alle drei Leinen an einem Ententeich ein - zwei Aale, einer davon ein Entenfresser. Pelles Geflügel ist zufrieden.

TAGS: Aale | Abend | Enten | Pelles | Tag

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


MITTWOCH, 26. DEZEMBER 2001

Pelles Nachbar Gerry lädt uns ein. Mit einem alten Ferguson-Traktor führt sein Vater sein Boot am Omaha-Beach ins Wasser.

Das Land um Omaha ist in den letzten Jahren etwas wert geworden. Der Siedlungsdruck aus Auckland steigt. Eine Bucht nach der anderen wird von den reichen Städtern aufgekauft. Die wenigen Maoris verschwinden. Ihre zweite Vertreibung in Neuseeland hat mit Einkommen und Besitz zu tun. Nur ihre Namen bleiben - Tawharanui fuer die Landspitze, die gerade noch unter Naturschutz gestellt werden konnte, Kawau-Island für die Insel, auf der ein britischer Gouverneur Land und Leute genoß.

Vor Tawharanui läßt sich Gerrys Vater im gefleckten Tarn-Tauchanzug ins Wasser. Zwanzig Minuten später taucht der alte Mann mit zwei dunkelblauen Butterfischen und einem ein Meter-Kingfish wieder auf. Pelle angelt einen Snapper.

Hundert Meter weiter tauchen Gerry und ich ab. Eine kleine Schule Kingfish zieht vorbei. Im gelben Seegraswald suchen wir jede Spalte und Höhle nachCrayfish, den Langusten, ab. Gerry zieht mit blitzartigem Griff zwei grosse Langusten aus den Spalten. Ein Oktopus windet sich gerade noch rechtzeitig in ein Loch.

Vor Kawau Island gehen wir Scallops tauchen. Im flachen Wasser ist die Sicht über dem Sandboden schlecht. Eine Leine hält uns zusammen. Wir finden dreißig Muscheln. Dann baut sich ein großer Rochen mit drohend aufgestelltem Stachel vor uns auf. Wir biegen ab.

Gerrys Vater erzählt von Rochenverletzungen und vom Niedergang seiner Labour Party. "Das ist schon seit zwanzig Jahren nichts mehr. Labour hat seine Seele verloren." Sein Sohn nickt. Neuseeland New Labour hat kaum noch Platz für alte linke Genossen.

TAGS: Gerry | Kingfish | Labour | Vater | Wasser

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


FREITAG, 28. DEZEMBER 2001

Der neuseeländische Milchkonzern Anchor weiß, wie man am grünen Image des Landes verdient. Täglich liefert er seine "organic spreadable butter" nach England. Engänder wissen schließlich, dass auf der immergrünen Insel glücklichen Kühen ans Euter gegriffen wird. Der Engländer erfährt nicht, dass die Bio-Milch aus Österreich stammt. Bei uns sind zehn Prozent der Bauern bio. Die 0,4 Prozent in Neuseeland machen weder Milch noch Bio fett. Der Unterschied ist einfach und heißt "Staat". In Österreich wird gefördert, in Neuseeland vertraut man dem Markt. Guter Staat.

Anchor zeigt aber auch, wie man "grün" intelligent vermarktet. Ihre letzte Kampagne in Großbritannien bestand aus zwei Sätzen: "Modern farming ? We are 75 years behind, thanks goodness" und "Call us oldfashioned, but shouldn't cows eat grass ?". Die britischen Farmer berieten und nahmen von einer Klage Abstand.

Zweiter Besuch bei David Hoskins und seinem Sangiovese. Mit meiner Frage nach der Größe der Weingüter kann David nichts anfangen. "Groß ist 200 000 Liter bis zwei Millionen." Fläche ist kein Maßstab, weil fast alle ihre Trauben zukaufen. Die Produktion von Trauben und Wein ist weitgehend getrennt. Kaum jemand kommt auf die Idee, dass der Winzer seine eigenen Trauben keltern sollte.

TAGS: Bio | David | Milch | Staat | Trauben

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SAMSTAG, 29. DEZEMBER 2001

Nach Süden. Am Weg nach Coromandel bildet sich die erste Schlange. Innerhalb weniger Tage wollen 160 000 Touristen zu den 25 000 Einwohnern der Halbinsel. Der Bürgermeister der lokalen Hauptstadt Thames schlägt User Pay, eine Maut, vor.

Am Strassenrand warnt der lokale Lions Club Schnellfahrer: "In Coromandel we have two cemetaries, but no hospital."

Strassensperre. Ein gelb, rot und blau blinkender Polizeiwagen steht quer. Ein Polizist plaudert daneben mit einem Passanten und winkt zwischendurch die Autos zum Stehen. Zwei kleine Mädchen kommen mit einer Büchse. "Wir sammeln für einen Hengst. Wir wollen bei Rennen mitmachen !"

Viele Künstler, hat mir Pelle gesagt, hätten sich an die Strände von Coromandel zurückgezogen. Ihr gemeinsames Wirken hat einen neuseeländischen Kitsch geschaffen, in dessen Mittelpunkt verbogene Krüge und Gläser stehen.

In Tauronga erfahre ich endlich, daß Frau Lindner Generaldirektorin des ORF geworden ist. In Ermangelung genauerer Nachrichten nehme ich an, daß Schüssels Versuch, mit Erwin Prölls Lautsprecherin den ORF endgültig zum schwarz-blauen Volksempfänger zu machen, zu einem Proteststurm in der Öffentlichkeit und großer Solidariät mit den klarerweise streikenden ORF'lern geführt hat. Sicherlich gibt es niemanden, der das als "gelungenen Coup" des Kanzlers verharmlost und "Eigenschaften" bei Frau Lindner entdeckt. Sonst würde ich mich wundern.

TAGS: Coromandel | Gläser | Lindner | Tauronga

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


SONNTAG, 30. DEZEMBER 2001

Dawn, meine Gastgeberin in Tauranga, enthüllt mir das Geheimnis des Coromandel-Kitsches: "Whacky-Packy" - alle sind gleich gut eingeraucht.

TAGS: Coromandel | Geheimnis | Kitsches | Packy | Whacky

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang


MONTAG, 31. DEZEMBER 2001

Die Einheimischen haben für Tauchtouristen wie mich ein Lotsenschiff vor Motiti-Island versenkt. Unser Boot steht in einem Garten. Einen Toyota-Jeep zieht es zehn Kilometer zum Wasser. Hoch am Bootsrand durch Kuhherden - das ist das Taucherglück.

"Wir machen das auf Kiwi-Art", erklärt der Skipper. Alle hier nennen sich stolz "Kiwis". Wer von uns würde sich "Erdapfel" oder im steirischen Fall "Kürbis" nennen ?

Sylvester mit Dawns Familie. Die meisten sind Maoris. Fast alle Orte, Flüsse, Berge und Seen haben in Neuseeland Maori-Namen. Nur die großen vier tragen englische Namen: Wellington, Auckland, Christchurch und Dunedin.

Ich erzähle Dawn, wie schwierig mir das Merken der Maori-Namen fällt. Alles klingt ähnlich und fängt mit "Wai" oder "Mata" an und hört mit "ui", "ana" oder sonstwie auf. Dawn antwortet mir lachend mit nur zwei Worten: "Waidhofen ! Steiermark !"

TAGS: Dawn | Maori | Namen | Neuseeland | Seen

Kommentar posten [ 0 Kommentare ] zum Seitenanfang