Tagebuch / Mai 2012

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Das hab ich für den "Standard" im Gedenken an Helmut Zilk geschrieben:"In einem viel zu kleinen Sitzungssaal der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt war die Bundesheer-Reformkommission wieder einmal an einem toten Punkt angelangt. Die Generäle wollten keinen Schritt weiter. „Gewisse Maßnahmen“ schienen ihnen im Endbericht noch erträglich. Gegen „konsequente Maßnahmen“
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Das hab ich für den "Standard" im Gedenken an Helmut Zilk geschrieben:

"In einem viel zu kleinen Sitzungssaal der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt war die Bundesheer-Reformkommission wieder einmal an einem toten Punkt angelangt. Die Generäle wollten keinen Schritt weiter. „Gewisse Maßnahmen“ schienen ihnen im Endbericht noch erträglich. Gegen „konsequente Maßnahmen“ bunkerten sie sich ein. Es gab keinen Kompromiss – aber es gab Helmut Zilk. Als Vorsitzender der Kommission wandte er sich an die Militärs: „Ihr werd´s doch einsehen, dass ´gewisse Maßnahmen´ alles heißen kann. Aber ´konsequente´ - da ist alles klar. Wenn da ein Minister kommt und ´gewisse´ Maßnahmen setzt, dann kann das viel schlimmer sein als ganz normale ´konsequente´ Maßnahmen, das ist doch klar. Also, denkt´s einmal nach, ja, ich seh, das haben alle verstanden, also schreib ma das so rein, also ´konsequente Maßnahmen´, gut, fertig!“

Das war ein Teil der Kunst von Helmut Zilk. Er konnte auf einen bestimmten Punkt an einer unüberwindbaren Mauer zeigen und behaupten: „Da ist die Tür!“ Nachher würden sich alle Beteiligten lebhaft daran erinnern, wie sie gemeinsam mit ihm durchgegangen waren.

Die Generäle folgten aus einem einfachen Grund - Lehrer Zilk hatte seine Schüler im Griff.
Das war das erste große Talent von Helmut Zilk: der Lehrer, der sich von seinen Schülern nur ungern enttäuschen ließ.

Sein zweites Talent war der Populist. In „Volksbürgermeister“ übersetzt, verliert das Wort seinen schlechten Beigeschmack. Der Volkspolitiker lebt nahe am Volk. Er nimmt an den Schicksalen der Menschen teil. „In dem ganzen langen Text kommt das Wort „Mensch“ kein einziges Mal vor!“ Als Bruno Kreisky einen Mitarbeiter, der ihm gerade den Entwurf zu einer Rede vorgelegt hatte, so anherrschte, tat er das als Volkskanzler.

Populist sein sagt über die Politik des Populisten wenig aus. Populismus kann links oder rechts, voll Reformeifer oder voller Hass, von Sachkenntnis getragen oder völlig frei von ihr sein. Kreisky, Zilk, Haider – das waren die drei großen Populisten der letzten sechzig Jahre.

Der Populist unterscheidet sich von zwei anderen politischen Figuren: dem Opportunisten und dem Führer. Politische Opportunisten hören auf die Macht, auf sonst nichts. Ihr Blick ist immer nach oben gerichtet, weil von dort gleichermaßen Gefahr und Belohnung erwartet werden. Am Volk interessieren sie nur die Stimmen. So wie es aussieht wird die kommende Regierung von Opportunisten gebildet.

Führer wissen im Gegensatz zum Opportunisten und zum reinen Populisten, wohin sie einen Staat führen wollen. Die Menschen folgen dem Führer, weil sie an ihn glauben. Kreisky war in seinem gelungenen Versuch der politischen Erneuerung Österreichs ein populistischer Führer. Haider war das ebenfalls, solange er erfolgreich versuchte, die sturmreifen Strukturen der alten Proporzrepublik anzugreifen. Unter den dreien war Zilk der einzige reine Populist. Für die Politik dahinter sorgte die Partei.

Den Populismus selbst hat Zilk modernisiert. Schon beim Wechsel aus dem ORF in die Wiener Politik sah er, dass er mit der alten Partei keine neue Stadt schaffen könnte. Alles was gebaut werden konnte, war in der SPÖ mehrheitsfähig. Alles, was geöffnet werden sollte, traf auf das tiefe Misstrauen der alten Genossen. Zilks Partei waren daher von Anfang an seine Medien: der ORF und die Kronen Zeitung. Heute ist die Vorstellung, dass alle Macht von der Krone ausgeht, tief in der SPÖ verwurzelt. Das ist der problematische Teil des Erbes, das der Altbürgermeister seiner Partei hinterlässt.

Populismus hat eine unabdingbare Voraussetzung: Talent. Kreisky, Zilk und Haider waren talentiert. Jeder von ihnen hat aus seinem Talent etwas Besonderes gemacht. Kreiskys Populismus kam im Anzug des Staatsmanns. Haiders Populismus zuckte als bösartiges Irrlicht durch die Innenpolitik. Zilks Populismus war persönlicher, manchmal grantig, oft fröhlich. Für Wien war er ein Glück. Er hat die Stadt geöffnet und schöner gemacht. Aus einer grauen Stadt am Eisernen Vorhang hat er eine bunte, lebenswerte Weltstadt gemacht, mit spannenden Theatern und vorschriftsmäßig gekleideten Fiakern.

Der Lohn des Populisten ist nicht das Amt, sondern die Liebe der Menschen. Kreisky wurde verehrt, Haider bewundert. Helmut Zilk haben die Menschen geliebt, so wie er sich das gewünscht hat."

Ich habe Helmut Zilk politisch geschätzt und persönlich gemocht. Er war ein anständiger Politiker und ein liebenswürdiger Mensch.


Antwort auf Beitrag vom: 08.11.2008


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