Tagebuch / Mai 2012

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Gert Jonke ist gestorben. Der wunderbarste Schriftsteller, den ich kenne, lebt nicht mehr. Das ist schwer vorzustellen.Vor langer Zeit hat mich die Buchhandlung „Buch und Wein“ eingeladen, meinen Lieblingsdichter vorzustellen und etwas von ihm vorzulesen. Ich habe mich für Jonke entschieden. Gleich danach hat mich ein schüchterner leicht hinkender Mann angesprochen. So habe ich Gert kennen
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Gert Jonke ist gestorben. Der wunderbarste Schriftsteller, den ich kenne, lebt nicht mehr. Das ist schwer vorzustellen.

Vor langer Zeit hat mich die Buchhandlung „Buch und Wein“ eingeladen, meinen Lieblingsdichter vorzustellen und etwas von ihm vorzulesen. Ich habe mich für Jonke entschieden. Gleich danach hat mich ein schüchterner leicht hinkender Mann angesprochen. So habe ich Gert kennen gelernt.

Wir haben uns dann oft getroffen. Er wollte immer genau wissen, was in der Politik passiert. Kopfschüttelnd hat er in meinen Berichten immer gleich Figuren und Szenen für absurdes Theater gefunden.

Dann hat er erzählt: vom großen Händel und von fliegenden Zimmern, über Schostakowitschs seltsame Biografie und die Straßenbahnen von Wien, von seinem Kärnten und die Verhaiderung, die er gehasst hat wie sonst nichts.

Als ihn die Kulturpolitik nicht mehr übersehen konnte, musste sie ihn ehren. So wurde vom Staatssekretär entschieden, dass der große Preis zu verleihen sei. Am Tag der Ehrung warteten alle im Steinsaal des Bundeskanzleramts. Der Staatsekretär stand unten am Eingang zum Amt. Weil er als Schauspieler wusste, dass der Wichtigste als Letzter aufzutreten hatte, wartete er unten auf Jonke. Der kam nicht.

Gert Jonke war noch mit dem Suchen beschäftigt. In der Früh war ihm klar geworden, aus welchen Texten er heute vorlesen müsste. Als er sie gefunden hatte, nahm er sich mit einer halben Stunde Verspätung ein Taxi.

Sein Vortrag war gut wie immer, lebendig, mitreißend. Dann sprach der Staatssekretär, über sich und auch Jonke, über seine Kulturpolitik und immer weniger über Jonke. Dann war er fertig.

Da stand Gert Jonke auf, ging noch einmal ans Pult und hielt eine Rede. Was er tun würde, wenn er einen Tag regieren könnte. Es war die Rede über ein schöneres, offeneres und gut vorstellbares Österreich. Es war die Rede von menschlichen Selbstverständlichkeiten, die der Regierung fremd geworden waren. Es war die Rede vom Schöpfen und vom Streiten, von einem besseren Land.

Als sich Gert Jonke wieder setzte, hatte die Kunst den Kunstverwalterdarsteller in seine Schranken gewiesen.

Gert Jonke, das war Ulrich Wildgruber in Dietmar Pflegerls Klagenfurter Stadttheater auf der Schaukel mit dem großen Schlussmonolog aus „Es singen die Steine“. Das war das „Insektarium“ mit den wunderbaren Pannen bei der Uraufführung. Das war Markus Hering in der „Chorfantasie“ und im „Freien Fall“ im Akademietheater. Das war er selbst noch im letzten Herbst in „Platzen Plötzlich“ im Semperdepot.

Hubertus Czernin, Dietmar Pflegerl und jetzt Gert Jonke – das sind die Menschen, die ein Land wie Österreich so dringend braucht – und die so fehlen.


Antwort auf Beitrag vom: 04.01.2009


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