Tagebuch / Mai 2012

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MITTWOCH, 04. JULI 2001

Patrick Ortlieb hat ohne fremde Hilfe ins Plenum gefunden. Wir sind baff. Die Debatte kann beginnen.Alle kriegen Kindergeld. Fast. Wenn zwei Ehepartner je 35 000 Schilling verdienen, dann kriegen sie nämlich keines. Dass jemand, der 140 000 Schilling verdient, dagegen schon eines kriegt, tröstet sie dann wieder. Madeleine zählt eine Unsinnigkeit nach der anderen auf. Ulrike Lunacek schildert
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Patrick Ortlieb hat ohne fremde Hilfe ins Plenum gefunden. Wir sind baff. Die Debatte kann beginnen.

Alle kriegen Kindergeld. Fast. Wenn zwei Ehepartner je 35 000 Schilling verdienen, dann kriegen sie nämlich keines. Dass jemand, der 140 000 Schilling verdient, dagegen schon eines kriegt, tröstet sie dann wieder. Madeleine zählt eine Unsinnigkeit nach der anderen auf. Ulrike Lunacek schildert dann noch die Kindergeldverweigerung für schwule und lesbische Paare. Die Regierungsabgeordneten, in deren Parteien ausschließlich starke Männer ausschließlich schwache Frauen lieben, zerkugeln sich. Der eine oder andere wird sich dann später bei seinem Freund ausweinen.

Ab drei diskutieren Sascha und ich mit dem Bundeskanzler, warum sie immer Reformen ankündigen und Säuberungen durchführen. Beim ORF gibt sich Schüssel ein bißchen zerknirscht. Er ist mit seinen Interventionen auf unerwarteten Widerstand in den Redaktionen gestoßen. Jetzt stoppt er, um kurz Verständnis zu heucheln. Dann nimmt er den nächsten Anlauf.

Von der FPÖ ist heute nicht viel zu sehen. Fast den ganzen Tag, hören wir, versuchen die Abgeordneten, ihrem Klubobmann einen Weg aus dem Milliarden-Klagen-Schlamassel zu finden. Haider hat Westenthaler öffentlich desavouiert, und Riess-Passer hat einen halben Tag später gezeigt, dass sie die Klinge, über die der Ingenieur springen soll, schon ausgepackt hat. Wau-Wau-Westi ist stumm und ziemlich zerwutzelt.

Später in der Debatte tritt der freiheitliche Abgeordnete Harald Gaugg ans Rednerpult. Mit rotem Kopf und eingeschnürtem Hals starrt er mich plötzlich an. Seine Augen werden größer. Ich weiß, ein Anfall droht. Plötzlich bricht es heraus: "Der Abgeordnete Pilz zieht spuckend und randalierend durch Wien !" Gaugg atmet durch und lacht erleichtert in den Saal. Es ist heraussen. Tief in meiner Ehre getroffen, verlange ich eine tatsächliche Berichtigung. "Ich stelle dem gegenüber tatsächlich fest: In keiner Sekunde meines Lebens bin ich spuckend und randalierend durch Wien gezogen. Als Beweis führe ich an, dass ich mich in keiner Sekunde meines Lebens wie ein Kärntner Freiheitlicher benommen habe." Ich wüßte auch gar nicht so genau, wie man das tut.

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