Tagebuch / Mai 2012

<< zurück

DIENSTAG, 15. MAI 2001

An und für sich will ich heute bei der PK hauptsächlich über die Volkszählung berichten. Seit wir unsere ersten Infos ins Netz gestellt und zum Teilboykott aufgerufen haben, geht das Telefon den ganzen Tag. Niki sammelt und ordnet. Die meisten regen sich über die Frage nach der Religion auf, der Unfug mit dem "Haushaltsvorstand" folgt gleich dahinter. Überraschend groß ist das Bauchweh bei
>> mehr lesen

An und für sich will ich heute bei der PK hauptsächlich über die Volkszählung berichten. Seit wir unsere ersten Infos ins Netz gestellt und zum Teilboykott aufgerufen haben, geht das Telefon den ganzen Tag. Niki sammelt und ordnet. Die meisten regen sich über die Frage nach der Religion auf, der Unfug mit dem "Haushaltsvorstand" folgt gleich dahinter. Überraschend groß ist das Bauchweh bei der Frage nach der Arbeitsstätte - zurecht fürchten viele, damit eindeutig identifizierbar zu sein.

Ich selbst hab längst meine Vorstandsprobleme gelöst. 1991 war Gudrun Vorständin. Dann hat sie es zurückgelegt. Ich will nicht. Wir sind jetzt seit Jahren vorstandslos. Es herrscht unbeschreibliches Chaos.

Gegen neun rufe ich meinen neuen Richter an. Seit gegen mich wegen § 301 STgB die Anklage vorbereitet wird, ist ja der Wiener Bezirksrichter Gerwin Schifter im Auftrag von Staatsanwalt Klackl - ja, der Einstell-Klackl - tätig. Schifter hat mir etwas neues zu berichten: Er hat Klackls Auftrag, die Journalisten, die bei meiner PK waren, zu ermitteln, an die Kripo weitergegeben. Deshalb ist der Akt seit rund zwei Wochen dort. Ein Rückruf im Innenministerium ergibt: Der Akt ist fertig, die Journalisten sind ausgeforscht. Jetzt kann ihnen Klackl den Prozeß machen. Am Ende der Spitzelaffäre wird es also doch noch Verurteilte geben: Kleindienst und die Journalisten.

Um halb elf wird der Bundeskanzler eine Rede zur Lage der Nation halten. Schüssel-Soße wird durch den Saal rinnen. Gummistiefel sind angesagt.

Eine Stunde vorher setzen sich sieben Journalisten auf das Podium des Presseclub Concordia: Hans Rauscher und Katharina Krawagna-Pfeiffer vom Standard, Andreas Koller von den Salzburger Nachrichten, Armin Turnher vom Falter, Fitz Wendl vom ORF, Franz Bauer als Chef der Journalistengewerkschaft und Christian Rainer von profil. Sie berichten zur Lage der Pressefreiheit. Der Schritt ist so außergewöhnlich, dass die gewöhnlichen Massenmedien wahrscheinlich etwas anderes wichtiger finden. Rainer erzählt von den bürgerlichen Unternehmern, die sich für Opinionleader halten, aber keine öffentliche Meinung haben. Wo man hingreift, greift man ins Schwammige. Ein paar Promis empören sich, die meisten regen sich privat auf. Grundrechtsfaule Staatsanwälte, freiheitsfaule Journalisten - das wird sich alles noch ändern. Die Regierung wird solange auf die Freiheiten eindreschen, bis aufgewacht wird. Hoffentlich bald.

In meiner PK erzähle ich die Schifter-Anklage-Geschichte. Stück für Stück bringen wir das in Bewegung.

Antworten