Die Affäre / Keine Fragen

4. September 2006

07.17

Generalmajor Karl Mahrer versucht ein letztes Mal, Haidinger zu beruhigen:

„Sehr geehrter Herr Direktor!
Lieber Herwig!

Der Ordnung halber darf ich aus meiner Sicht bestätigen, dass der von do erteilte Auftrag durch die vergangene Woche hergestellten, direkten Kontakte (insbes. zum Diensthundeführer) erfüllt ist." (1) Mahrer informiert Haidinger nicht, dass die Beamten offensichtlich nur einen Auftrag hatte: Pabi am Reden zu hindern.

15.13

Haidinger lässt nicht locker. Er ahnt längst, dass es einen Grund gibt, ihm die Einsicht in die Kampusch-Einvernahmen zu verwehren. Ein weiteres Mal mailt er Treibenreif ins Kabinett:

„Sehr geehrter Herr Brigadier, lieber Bernhard!

Es gibt in der Ermittlungsführung nur ein Problem (sonst sehe ich keines!): Es wird - aus welchen Gründen immer - versucht, dem Direktor des Bundeskriminalamtes die Inhalte aus den geforderten Unterlagen vorzuenthalten. Anders kann ich mir die bisherige Weigerung, meiner Weisung nachzukommen, nicht erklären." (2)

Haidinger macht noch eine weitere Entdeckung: „Noch etwas habe ich heute zum ersten Mal gehört: Dass ein von Natascha Kampusch von der Polizei aufgenommenes Foto über Weisung des Genmjr Koch vernichtet worden sei?! Auf meine Frage, wann und warum Genmjr Koch diese Weisung erteilt habe, antwortete er: ´Es steht viel Geld am Spiel und es könnte zu Klagen kommen. Daher sei es besser, das Foto zu vernichten.

Den Zeitpunkt dieser Weisung wisse Genmjr Koch nicht mehr, es sei ziemlich am Anfang gewesen. Wer dieses Foto aufgenommen habe, wisse er auch nicht."

Haidinger platzt der Kragen: „Lieber Bernhard, es reicht! Ich bin eine derartige Vorgangsweise der Kriminalpolizei nicht gewohnt - und ich werde sie auch nicht dulden. Wie kommt ein Exekutivorgan überhaupt auf die Idee, ein Foto, welches von der geflohenen Natascha Kampusch von der Polizei angefertigt wurde, als für das Strafverfahren nicht relevant zu beurteilen und einfach vernichten zu lassen?

Ich habe daher vor, Genmjr Nikolaus Koch als operativen Leiter der Ermittlungsgruppe abzuberufen."(2)

Jetzt ist Feuer am Dach. Haidinger hat das Recht, Koch abzuberufen. Mit dem Generalmajor ist jetzt eine Schlüsselperson der Vertuschung gefährdet.

Treibenreif antwortet sofort: „Bevor irgendeine Veränderung in der SOKO-Struktur vorgenommen wird, stelle ich unmissverständlich fest, dass eine solche Maßnahme mit dem Kabinett der Frau Bundesminister - in concreto mit meiner Person - abzustimmen ist... Ich stelle abschließend nochmals fest: Zu der im letzten Satz von dir in Aussicht gestellten Maßnahme liegt keine Zustimmung vor - sie ist deshalb nicht zu ergreifen." (3)

Koch ist damit durch Ministerweisung vor eine Abberufung geschützt. Das Kabinett hat jetzt offiziell das Kommando in der Vertuschung übernommen.

Haidinger mailt zurück: „Ich handle - bestimmt nicht - aus einer ersten Emotion. Darum habe ich dir ja vor Umsetzung der angedachten Maßnahme Mitteilung gemacht. Das Foto... ist aus meiner Sicht Bestandteil des Gesamtaktes. Die Vernichtung dieses Fotos in Ausübung der ´Dienstaufsicht´ anzuordnen, halte ich zumindest für unzulässig und hätte mE mit der Justiz und mit der die Fachaufsicht ausübenden Behörde abbesprochen werden müssen."

Haidinger spricht jetzt zum ersten Mal von einer Ministerweisung: „An die Weisung, Genmjr Nikolaus Koch als operativen Leiter der Ermittlungen nicht abzulösen, halte ich mich selbstverständlich." (4)


5. September 2006

Einen Tag später hat Haidinger die zweite Weisung erhalten. Das Kabinett wünscht keine weiteren Ermittlungen. Haidinger mailt dem stellvertretenden Wiener Polizeikommandanten Karl Mahrer:

„Sehr geehrter Herr gf. Landespolizeikommandant!
Lieber Karl!

Ja, danke. In dieser konkreten Angelegenheit ist mittlerweile die Weisung der Ressortleitung ergangen, keine weiteren Ermittlungen/Befragungen zu führen. Ich habe noch einmal zu klären versucht, dass die von uns gefundene Strategie geeigneter gewesen wäre.

Wie auch immer: Roma locuta, causa finita!" (5)

Am selben Tag legt ein Mitarbeiter der SOKO Burgenland einen Aktenvermerk an: „Am heutigen Tage, um 13:30 Uhr, hielt der Leiter der SOKO Kampusch, Genmjr Nikolaus Koch, mit dem zuständigen Untersuchungsrichter des Landesgerichtes für Strafsachen Wien. Mag. Gneist, Rücksprache betreffend der Ausfolgung der persönlichen Gegenstände an die Geschädigte Natascha Kampusch. Mag. Gneist erteilte dafür fernmündlich die Zustimmung zur Ausfolgung" (6).

In seiner Einvernahme durch die SOKO Vorarlberg fasst Haidinger noch einmal seine „Strategie" und deren Ende zusammen:

„Ich hatte die Führungskräfte zusammengeholt, um mit ihnen zu erörtern, wie hinsichtlich des 2. Hinweises umzugehen sei. Wir waren der Meinung, der FBM eine aktive Vorgangsweise vorzuschlagen. Kurz nach Übermittlung dieser ´Strategie´ (des Vorschlages von uns) bekam ich Rückmeldung, dass FBM dem Vorschlag nicht folgen will." (7)


7. September 2006

Zum sechsten Mal wird Kampusch von der SOKO befragt. Die Beamten wissen ab dem Vernehmungsbeginn um 11.15 Uhr offensichtlich nicht mehr, was sie weiter fragen sollen.

„Frage: Waren Sie im Ausland oder in Österreich?

Antwort: Soweit ich mich erinnern kann war ich nie im Ausland, ich war nur in Wien und Niederösterreich.

Frage: Mit welchen Fahrzeugen waren Sie mit Wolfgang Priklopil unterwegs?

Antwort: Wir waren nur mit dem roten BMW und mit dem alten und neuen Bus unterwegs. Wir sind nie mit einem Ersatzwagen unterwegs gewesen.

Frage: Sind noch weitere Personen mit Ihnen mitgefahren oder sind Sie und Herr Priklopil mit jemandem anderen mitgefahren?

Antwort: Nein. (8)

Der Rest der Befragung ist Kampuschs Schultasche gewidmet. Um 12.00 haben die Beamten keine weiteren Fragen.


14. September 2006

Am 14. September ist der Polizeihundeführer noch immer nicht einvernommen worden. Haidinger wendet sich wieder an Treibenreif im Ministerkabinett. Er schreibt über eine „Weisung der Ressortleitung":

„Ich schicke dir diese eMail deshalb, weil ich vermute, dass in der Sache in der Ressortleitung interveniert werden wird. In der Sache haben wir - beide - darüber gesprochen - und sind zu ein und derselben Meinung gelangt.

Lieber Bernhard, ich möchte auch gar nicht, dass du deinerseits intervenierst. Ich komme meinerseits auch den Weisungen meiner Vorgesetzten nach; auch wenn ich sie aus fachlicher Sicht nicht teile oder anderer Ansicht bin, erfülle ich sie doch (zB Weisung der Ressortleitung, die Angelegenheit mit dem zweiten Hinweis derzeit nicht weiter zu untersuchen). Nach wie vor bin ich anderer Ansicht, halte mich aber dennoch an die Weisung meiner Vorgesetzten.

Alleine der Umstand, dass ich drei Wochen lang fortwährend - mündlich und schriftlich - die Weisung wiederholen muss, ist nicht zu akzeptieren, darf nicht akzeptiert werden. Ich glaube, ausreichend Geduld und Verständnis bewiesen zu haben." (9)

Treibenreif antwortet eine Stunde später:

„Lieber Herwig,
s.g. Herr Direktor,

ich danke dir für die Info.

Ich ersuche dich weiterhin - wie auch schon bisher zwischen uns vereinbart - unsere beiden Vereinbarungen in dieser Angelegenheit zu beachten.

Betreffend der von dir gewählten Vorgehensweise hinsichtlich fachlicher Weisungen an die SOKO odgl. kann - und möchte ich mich auch nicht engagieren - hier bin ich auch viel zu wenig in die Sache involviert.

Meine Hintergründe kennst du ja ohnehin - wir möchten die Angelegenheit mit der bestehenden Struktur abschließen, weil bisher - abgesehen von manch internem verbesserungswürdigem Kommunikationsprozess - gute Arbeit von deiner SOKO geleistet wurde. Wir beide wissen, dass auch die mediale Präsenz bisher von Euch (angefangen von Dir in der ZIB) sehr sehr gut abgearbeitet wurde.

Deshalb immer wieder auch meine Versuche, die Angelegenheit ohne größere Eklats abzuschließen - wäre ja schade darum.

Ersuche weiterhin um Unterstützung.

Mit besten Grüßen
Bernhard"
(10)

Noch immer hofft das Kabinett, den Fall ohne Aufklärung und damit „ohne größere Eklats" abschließen zu können.


15. September 2006

Bei der siebenten und letzten Vernehmung fragen die SOKO-Beamten nach einigen Namen.

Frage: Im Mobiltelefon von Wolfgang Priklopil ist im Letztrufnummernspeicher ein gewisser H. Ernst (11) gespeichert. Die Telefonnummer ist jedoch auf eine H. Hedwig angemeldet.

Antwort: Der Name Ernst H. sagt mir nichts.

Frage: Es gibt eine Eintragung von Wolfgang Priklopil, wo Schifahren mit Christian - 16.3.2005 - eingetragen ist.

Antwort: Es muss nicht sein, dass er mit Christian Schifahren gegangen ist. Er hat von einem Christian gesprochen, aber den Nachnamen weiß ich nicht. Ich habe außer dem Priklopil, dem H. und den Nachbarn keine anderen Personen gesehen.

Frage: Auf einem im Haus sichergestellten Videoband ist Wolfgang Priklopil mit einer zweiten Person beim Schifahren zu sehen. Ein Vergleich mit vorliegenden Bildern ergab eine Übereinstimmung mit Rudolf H.. Sind Ihnen diese Aufnahmen bekannt und war eventuell noch jemand dabei?

Antwort: Das Video ist mir bekannt, er wollte damit zeigen, wie es in dieser Gegend mit dem Schifahren aussieht. Er dürfte nur mit Rudolf H. Schifahren gewesen sein. (12)

Dann wechseln die Beamten das Thema und fragen

• zu Priklopils Versuchen, sämtliche Spuren von Kampusch im Verlies zu vermeiden
• zu Priklopils Mutter
• zur Einrichtung des Verlieses
• zu Geschenken
• und zu Zeitungsausschnitten, die Kampusch privat sammelte.

Gegen Ende der letzten Vernehmung fragen die Beamten zum ersten Mal nach einem Motiv.

Frage: Was sagte er Ihnen zum Motiv der Entführung bzw. wie er sich das Leben mit Ihnen weiter vorstellte?

Antwort: Zum Motiv hat er je nach Stimmung gesagt, dass ich ihm gehöre und dass er schon immer eine Familie haben wollte. Er hätte mir auch eine neue Identität besorgt.

Um 13.15 ist die siebente und letzte Vernehmung nach zwei Stunden zu Ende. Im Laufe der Vernehmungen haben die Beamten einiges erfahren:

1. Während der Entführung hat es Kontakt zu einer dritten Person gegeben.
2. Der Keller war nicht als Gefängnis vorbereitet.
3. Der Täter suchte mit seinem Opfer fünf Adressen nicht nur in Wien-Donaustadt sondern auch in den Bezirken 15, 16 und 17 auf.

Stillfriedplatz, Bergsteiggasse, Hollergasse, Stralehnergasse, Rugierstrasse - die Beamten fragen bis zum Schluss nicht nach. Kampusch war zumindest in den Wohnungen in der Hollergasse, in der Bergsteiggasse und in der Stralehnergasse. In welchem Haus mit welcher Hausnummer, in welcher Wohnung waren sie? Was haben Kampusch und Priklopil dort getan? Wann waren sie dort? Wem gehören die Wohnungen? Hatte Priklopil Schlüssel oder wurde ihnen geöffnet? Wie vermied Priklopil, dass Kampusch bei den Ausflügen Spuren hinterließ? Und: Warum ging Priklopil, der schon bei Kampuschs Besuchen im Haus nur wenige Meter vom Verlies entfernt Angst vor dem Hinterlassen von Spuren hatte, das Risiko von Wohnungsbesuchen auf der anderen Seite von Wien ein?


(1) Mail von Mahrer Karl (LPK-Wien) an Haidinger Herwig (BMI-II/BK) vom 4.9.2006, 07.17
(2) Mail von Haidinger an Treibenreif (BMI-KBM) vom 4.9.2006, 15.13
(3) Mail von Treibenreif (BMI-KBM) an Haidinger vom 4.9.2006, 15.24
(4) Mail von Haidinger an Treibenreif (BMI-KBM) vom 4.9.2006, 16.06
(5) Mail von Haidinger Herwig (BMI-II/BK) an Mahrer Karl (LPK-Wien) vom 5.9.2006, 15.17
(6) LPK Burgenland, LKA: AV Korner, 5.9.2006
(7) BMI/SOKO Vorarlberg: Fortsetzung der Zeugenvernehmung Herwig Haidinger vom 18.3.2008, 26.3.2008, S 9
(8) LPK Burgenland, LKA: 6. Niederschrift mit Natascha Kampusch, 7.9.2006, GZ P-VS 5/02
(9) Mail von Haidinger an Treibenreif (BMI-KBM), 14.9.2006, 11.47
(10) Mail von Treibenreif (BMI-KBM) an Haidinger, 14.9.2006, 12.41
(11) LPK Burgenland, LKA: 7. Niederschrift mit Natascha Kampusch, 15.9.2006, GZ P-VS 5/02
(12) LPK Burgenland, LKA: 7. Niederschrift mit Natascha Kampusch, 15.9.2006, GZ P-VS 5/02